Eine Art Familienalbum

Der Fotograf Jan Saudek ist ohne Zweifel das große enfant terrible innerhalb des tschechischen Kulturbetriebs. Nach Rang und internationaler Bedeutung kann er, trotz extrem unterschiedlicher Ikonografie, als Erbe Josef Sudeks gelten. Eine große Werkschau liefert der Band „Saudek“ des slowakischen SlovArt-Verlages, welcher streckenweise wie ein bildgewaltiger Parforce-Ritt durch die freudianische Psychoanalyse anmutet. 

Jan Saudek
© SlovArt-Verlag. Jan Saudek – „Saudek“. ISBN: 9788073919825

Als sich 1998 der Epilog im Leben und Werk Jan Saudeks ankündigte, erfolgte noch einmal eine Art kulturelle Mobilmachung. Die Ausstellung im Prager Gemeindehaus brachte Massen an Besuchern, unzählige verkaufte Bilder und natürlich eine Resonanz über die Landesgrenzen hinweg. Keine Frage, von den zeitgenössischen tschechischen Fotografen ist Jan Saudek der beliebteste, präsenteste und nach wie vor provozierendste, und der Rang, der Saudek gebührt, speist sich ausschließlich aus seinen Aktaufnahmen, jenen absonderlichen, surrealen, bizarren und mitunter auch offen pornografischen colorierten Fotografien. „Eine Art Familienalbum“ weiterlesen

Böhmisches Schweigen

Der tschechische Fotograf Jan Reich starb 2009 im Alter von 67 Jahren in Prag. Zeit seines Schaffens fotografierte er mit dem Rücken zur Moderne überwiegend Landschaften und die tschechische Hauptstadt. Hinterlassen hat er ein Werk, das geprägt war von den Erfahrungen des Schwundes in einer sich wandelnden Welt. Heute kann Jan Reich auch im europäischen Kontext als einer der letzten großen Romantiker der Fotografie gelten.

Jan Reich Bohemia
Jan Reich – Bohemia. Herausgegeben von Jana Reichová. ISBN: 80-903611-0-2

Über 40 Jahre währte das Schaffen des tschechischen Fotografen Jan Reich, zusammen mit Josef Sudek und Jan Saudek gehörte er, jeder auf die eigene, zum Teil exzentrische Weise, zu den romantisch inspirierten Lichtbildnern Tschechiens. Unverdrossen in seiner Rückwärtsgewandtheit, trennte ihn von Josef Sudek die experimentelle Vielfalt ebenso wie die unbekümmerte Anverwandlung von Moderne und Urbanität; vom exaltierten Jan Saudek die Lust am Absonderlichen wie am Perversen.

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Ästhetik des Unfreiwilligen

Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs veröffentlicht das Institut für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů) im Band „Praha objektivem tajné policie (Prague Through the Lens of the Secret Police)“ Fotos der tschechischen Geheimpolizei. Als Dokumente der „Phase der Normalisierung“ nach dem Prager Frühling zeigen sie uns ein ziemlich graugesichtiges Prag. Einführende Essays fragen nach der ästhetischen Qualität dieser eigentümlich düsteren Form der Street Photography und legen historische und technische Fakten frei.

Prague Through the Lens of the Secret Police
Praha objektivem tajné policie / Prague Through the Lens of the Secret Police. ISBN 978-80-87211-11-3 © USTR.

Nur 14 Mitarbeiter beschäftigte die Geheimpolizei 1948, im Jahr der Gründung der sozialistischen Tschechoslowakei, im Lauf ihrer kurzen Geschichte wuchs der Überwachungsapparat kontinuierlich an, und zur Zeit der Samtenen Revolution gebot der kommunistische Krakenstaat über ein Spitzelheer von knapp 800 Mitarbeitern.

Ohne die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit, mussten die Spione ihre Kleinstkameras unter Jacken, in präparierten Koffern oder Taschen verstecken, um den vermeintlichen oder tatsächlichen Dissidenten beizukommen. Wie der Kulturjournalist Jan Vitvar in seinem einleitenden Essay zeigt, dienten die Fotografien dem Zweck, die überwachten Prager durch möglichst kompromittierende Aufnahmen erpressbar zu machen. Weitaus interessanter sind für Vitvar ästhetisch-moralische Fragestellungen, mit denen uns der Tscheche gleich durch das Dickicht divergierender Wertsphären führt. „Ästhetik des Unfreiwilligen“ weiterlesen