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Krakauer Impressionen

In Krakau wurde ich geboren. Hier einige Ansichten. Nur wenige Fotos, aber sie lassen die Geschichte der Stadt erahnen. Lange war Krakau die Hauptstadt von Polen, mit dem Wawel, der Königs-Residenz. Die jüngere Geschichte der Stadt wurde durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Most Powstańców Śląskich
Most Powstańców Śląskich

Jeder erinnert sich an die Szene im Film, als Amon Göth in einer Ansprache die sechshundertjährige jüdische Geschichte für beendet erklärt. König Kasimir der Große habe die Juden nach Krakau geholt, das Judentum blühte auf, doch all dies sei ab dem heutigen Tag nur noch Geschichte.

„Are there any jews left?“

Der Film endet mit einer rhetorischen Frage von Itzhak Stern, die gleichzeitig ein Epitaph für Millionen ermordeter Juden in Europa birgt: „Have you been in Poland? Are there any jews left?“ Spielberg gab dem Film durch das Yeroushalaim Chel Zahav eine zionistische Wende, in Krakau ist das Jüdische nur noch museal greifbar oder touristisch trivialisiert, sei es durch Klezmer-Musik oder „koschere“ Restaurants.

 

Heute ist Kazimierz Ausgehviertel, Treffpunkt von Studenten und natürlich Anziehungspunkt für Reisende aus aller Welt. Neben Kneipen wie das „Alchemia“, in das Samstags fast kein Reinkommen ist, sehe ich jüdische Restaurants und besuche die Alte Synagoge an der Szeroka Ulica.

Ganz in der Nähe, in der Świętego Wawrzyńca, zeugt ein Graffiti von einer eigentümlichen Anverwandlung des jüdischen Erbes durch die Gegenwart. Augenfällig sind auch die oftmals alten und heruntergekommenen Fassaden. Das Wohnhaus meiner Eltern in der Ulica Paulinska ist wieder in jüdischem Besitz, doch vermittelt es ein recht trostloses Bild.

Liedermacher Mordechaj Gebirtig

Unweit der heutigen Alchemia-Kneipe wohnte bis zu seiner Deportation ins Krakauer Ghetto der Liedermacher Mordechaj Gebirtig, einer der bedeutendsten Sänger und Poeten in der aschkenasischen Folklore. Die Gedenktafel weist ihn als „Stolarz, Poeta,, Piesniarz“ aus, also Schreiner, Dichter und Sänger, oberhalb seiner Büste findet sich ein ins Polnische übersetztes Liedzitat: „Bądź zdrów, mój Krakowie!“ – „Blayb gezunt, mir Kroke!“ auf Jiddisch.

Gegenwärtig sind es Sänger und Interpreten wie Bente Kahan oder Daniel Kempin, die das Werk Gebirtigs lebendig halten, und womöglich gehören diese Lieder zu den wenigen Zeugnissen, die das jüdische Krakau frei von Verkitschung und Kommerz zeigen.

„Experience Group:  Jewish Survivor“

Einen Besuch wert ist auch der jüdische Friedhof von Kazimierz. Die deutschen Grabinschriften zeugen auch vom k.u.k.-Erbe Krakaus, in seinem Verfallszustand gleicht er mitunter dem berühmten Prager Friedhof. Erstaunlich ist, dass dort immer noch Begräbnisse stattfinden. Ein im Mai 2015 Verstorbener trägt den Namen Lucjan Kops.

Daheim recherchiere ich im Internet und werde fündig, in den USA, in Kanada. Ein kurzer Steckbrief der USC Shoah Foundation klassifiziert Kops lapidar: „Experience Group: Jewish Survivor“ und nennt kurz die Eckdaten seiner Rettung. Kops wurde in Lemberg geboren, überlebte die Konzentrationslager Boryslaw und Lemberg, indem er aus einem der Lager floh und unter einer falschen Identität lebte. Befreit wurde er durch die Rote Armee, es folgten ein Ingenieurs-Studium und eine akademische Karriere in Krakau und an der Universität in Montreal.

Weitere Eindrücke