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Moderne auf Sand

Der israelische Fotograf Yigal Gawze dokumentiert in seinem Fotoband Form and Light die Bauhaus-Architektur in seiner Heimatstadt Tel Aviv. Zum 100. Geburtstag des Bauhauses liefert der Band des Münchner Hirmer-Verlages nicht nur lichtspielerisch arrangierte Architektur-Fotografien, sondern auch eine paradoxe Pointe: Auch das einstmals Revolutionäre fällt irgendwann in Hände bürgerlicher Bewahrer. 

Yigal Gawze. Form and Light. From Bauhaus to Tel Aviv. Hirmer Verlag. ISBN: 978-3-7774-3099-7

Tel Aviv 1993. Da spaziert einer durch Tel Aviv und fängt an zu fotografieren. Nicht einfach so, sondern nach Jahren der ästhetischen Inkubation. Der israelische Fotograf Yigal Gawze, von dem hier die Rede ist, kam schon 1984 mit dem architektonischen Erbe der Weißen Stadt in Berührung, damals bei der Ausstellung The White City im Tel Aviv Museum of Art. Zu sehen gab es in der von Michael Levin kuratierten Präsentation Fotografien aus den 1930er Jahren von Itzack Kalter, daneben auch neuere Aufnahmen von Judith Turner. Die Exposition war für Gawze der sprichwörtliche Augenöffner, der aber erst Jahre später zur fotografischen Praxis drang.

Gawze wählte von Beginn an die Perspektive des Flaneurs. Erst nach und nach erschloss sich dem Fotografen das Zusammenspiel von Volumen und Licht, sah er das Typische im Individuellen, erkannte das Allgemeine im Besonderen, und machte sich somit en passant daran, die Formensprache der Bauhaus-Architektur zu studieren.

Architekturhistorisch stand die Bauhausästhetik nicht am Beginn der Stadt, da sich Tel Aviv erst vom Erbe historistischen Bauens lösen musste, das unter dem Einfluss osmanischer Herrschaft noch nachwirkte. Federführend wurde mit den immigrierten Baumeistern wie Zeev Rechter, Genia Averbuch und vor allem Arieh Sharon Walter Gropius‘ architektonische Revolution erst in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Was nun folgte, war die Sachlichkeit gebauter Zweckmäßigkeit: kühl, weiß und klar, mit markanten Auskragungen und Thermometer-Fenstern für lichtdurchflutete Treppenhäuser.

Fotografischer Konservatismus

Yigal Gawzes Dokumentationsbedürfnis in den beginnenden Neunziger Jahren entwuchs allerdings nicht nur der ästhetischen Erfahrung, sondern auch der Sorge. Der einstige Glanz, so der der Fotograf in seinem einleitenden Essay, sei durch Staub, Abgase und Vernachlässigung verblasst. Von den 4000 im Laufe der Dreißiger und Vierziger Jahre errichteten Baudenkmäler sind viele in einem schlechten Zustand, auch wenn Bürgerinitiativen sich um die Restauration des UNESCO-Weltkulturerbes bemühen. So gesehen agiert Gawze im Grunde in der Tradition europäischer Stadterkunder wie der Franzose Eugène Atget oder der Tscheche Jindřich Eckert, beide um einen fotografischen Konservatismus bemüht, da sowohl in Paris als auch in der Prager Josefstadt umfangreiche Abriss- und Modernisierungsarbeiten anstanden.

Eine Art Rückkehr stellt aber auch die fotografische Praxis selbst dar, orientiert sich Gawze stilistisch offenkundig an der Bauhaus-Fotografin der ersten Stunde, nämlich Lucia Moholy. Der Fotograf geht in die Totale, arbeitet im Weitwinkel-Bereich, vermeidet aber gängige Postkartenmotive und Klischees. Das Versprechen, das im Titel „Form and Light“ mitgeführt wird, löst Gawze aber erst überall da ein, wo der Fotograf über die Tschechin Moholy hinausgeht, nämlich ins Abstrakt-Formalistische drängt, lebensweltliche Bezüge kappt, und in Ausschnitten und Details die Abwesenheit des städtischen Trubels und Lärms inszeniert. Was dann bleibt, sind Linien, Oberflächen und Strukturen, die Gawze zusammen mit dem tiefblauen Himmel in leuchtende Akkorde einer mediterranen Farbenmusik übersetzt.

Architektur und Identität

Hundert Jahre nach der Gründung des Bauhauses ist der Architektur-Schule von Walter Gropius vor allem in der konservativen Architektur-Kritik kein guter Leumund beschieden. Einen Höhepunkt dieser Kritik bildete dabei zweifelsohne Tom Wolfes Essay Mit dem Bauhaus leben. Wolfes beisserisch-ironische Polemik wandte sich zuvörderst gegen die seelenlose Reproduktionsmechanik, die mit den europäischen Exilanten in den USA Einzug hielt. Auf einer tieferen Ebene zielte Wolfes Kritik auf eine identitätspolitische Preisgabe eigener Ideen und Traditionen, als deren Vertreter er etwa Frank Lloyd Wright erkannte. Die Frage „Wer sind wir? und „Woher kommen wir?“ berührt aber eben auch die architektonische Erinnerungskultur in Tel Aviv, ironischerweise mit einer Formensprache, die mit allem brach, was das alte Europa an ästhetischem Reservoir so aufbot. Der Lauf der Geschichte brachte es mit sich, dass Tel Aviv heute über das größte geschlossene Ensemble an Bauhaus-Gebäuden in der Welt verfügt, eingebettet in das zionistische Narrativ einer neuen und sicheren Welt. So gesehen reiht sich der Band in jene Erzählungen ein, die vom engen Zusammenhang von Mythos und Moderne berichten.

Der Fotograf arbeitete für den Band mit einer Nikon F3 HP sowie mit 28mm- und 50-mm-Objektiven.