Heiterer Chronist in dürftiger Zeit

Wie kein anderer hat der tschechische Fotograf Jaroslav Kučera die randständigen Existenzen im Sozialismus und des Kapitalismus porträtiert und ihre Lebenswelt erkundet. Im Westen noch weitesgehend unbekannt, beerbte er mit seinem Schaffen die Emigranten Josef Koudelka und Antonín Kratochvíl. Andererseits zeigen sich aus heutiger Sicht auch Affinitäten zu Ed van der Elsken, Daido Moriyama und vor allem Anders Petersen. Ein Rückblick.

Jaroslav Kučera - "Setkání, okamžiky, samoty" ("Encounters, moments, solitudes") zweisprachig © Jakura-Verlag
Jaroslav Kučera – „Setkání, okamžiky, samoty“ („Encounters, moments, solitudes“) zweisprachig © Jakura-Verlag

Jaroslav Kučera ist der bedeutendste Prager Chronist der letzten dreissig Jahre des 20. Jahrhunderts, aber zu den herausragenden tschechischen Foto-Journalisten zählt er nicht. Der Lauf der Geschichte hatte Josef Koudelka aus der Tschechoslowakei vertrieben und Antonín Kratochvíl emigrieren lassen, Jaroslav Kučera blieb diesseits des Eisernen Vorhangs als Zeitzeuge und als Bild-Journalist überwiegend an Prag gebunden.

Der große internationale Durchbruch gelang Kučera indes nicht, weniger radikal in der Bildsprache, fallen seine Fotografien auch ästhetisch von denen der Emigranten ab. Gleichwohl bildet kein fotografisches Werk die Wirklichkeit und die Notdurft in den letzten Jahrzehnten des tschechischen Sozialismus so beeindruckend und lebenszugewandt ab wie das von Kučera.

„Heiterer Chronist in dürftiger Zeit“ weiterlesen

Seismograph des Übergangs

Es war ein kometenhafter Aufstieg. Frank Schirrmacher übernahm 1989 zunächst den Literaturteil der FAZ von Marcel Reich-Ranicki, dann wurde er, 1994, einer der jüngsten Herausgeber und Nachfolger von Joachim Fest. Nun legt Jakob Augstein im Band „Ungeheuerliche Neuigkeiten“ ausgewählte Interviews und Artikel aus den Jahren 1990 bis 2014 vor.

Frank Schirrmacher war Literaturwissenschaftler und kam von Thomas Mann, Stefan George, Franz Kafka und Georg Trakl. Der Verleger Wolf Jobst Siedler sprach in seinen Erinnerungen von der zweiten deutschen Genieepoche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach der Weimarer Klassik mitsamt den Romantikern. Dass, ähnlich wie im späten 19. Jahrhundert, eine Erschöpfungsphase folgte, mag einer der Gründe gewesen sein, weshalb sich Frank Schirrmacher der gesellschaftlichen Gegenwart und vor allem Zukunft öffnete. Bestimmend wurde neben Kulturellem nun auch anderes: Zunächst die alternde Gesellschaft, dann die digitale Revolution, schließlich die Globalisierung und der Finanzmarkt-Kapitalismus.

Frank Schirrmacher - "Ungeheuerliche Neuigkeiten" © Blessing-Verlag ISBN 978-3-89667-556-9
Frank Schirrmacher – „Ungeheuerliche Neuigkeiten“ © Blessing-Verlag
ISBN 978-3-89667-556-9

I. Literarisches

Augstein lässt mit dem Buchtitel den Sprachgestus von Reich-Ranicki intonieren: „Ungeheuerliche Neuigkeiten“. Tagesaktualität und Kleinteiliges waren Frank Schirrmachers Sache aber nicht. Von Interesse waren die großen Zusammenhänge, die unterirdischen Verbindungen, tektonische Verschiebungen, Sollbruchstellen. Und gerade deshalb sind es, im Literarischen, die großen Namen der ersten Jahrhunderthälfte: Benn, Kafka, George, Jünger & Brecht, denen Schirrmachers Aufmerksamkeit gilt. Die Essays gehören zu den besten des Bandes. In ihnen zeigt er, was Literatur in ihren größten, abgründigsten und tiefsten Momenten sein kann: Vergegenwärtigung, Ahnung und Prophezeiung.

Trotzdem würdigt Frank Schirrmacher auch die deutsche Nachkriegsliteratur, der Marcel Reich-Ranicki in der FAZ das bedeutendste Forum bot. Schirrmacher ist beeindruckt von der Koinzidenz von Literatur und Zeitgeist, für die die Nachkriegsliteraten der jungen Bundesrepublik einstanden. Nichts ist falscher, als die Gruppe 47 nur als opponierende Bewegung wider den restaurativen Zeitgeist zu deuten, sie war immer und vor allem identitätsstiftend. Dies beschreibt ihre einzigartige Leistung auch im europäischen Kontext, aber auch, im Angesicht der Zäsur von 1989, ihre Grenzen.

Man kommt nicht umhin, Schirrmachers Artikel heute als wahr und richtig zu deuten. Die Literatur verlor sich nach 1990 im Subjektiven oder scheiterte da, wo sie noch einmal politisierend & moralisierend aus dem Geist der Nachkriegsliteratur schrieb. Der Artikel „Abschied von der Literatur der Bundesrepublik“ wirkt wie eine Blaupause dessen, was kommen sollte, man rufe sich nur die Debatte um Grass‘ „Ein weites Feld“ in Erinnerung. Er schreibt: „Wo Literatur, wie in West- oder Ostdeutschland, ob sie will oder nicht, das Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft aufbauen, stützen und ihre Identität verteidigen will, verliert sie ihre Vergangenheit. Längst taugt sie dazu nicht mehr.“

II. Gesellschaftspolitisches

Marcel Reich-Ranicki erinnert sich in seiner Biografie, wie er Joachim Fest ein Gedicht des inhaftierten Linksextremisten Peter Paul Zahl vorlegt. Der Chefherausgeber, schon damals Inbegriff einer Liberalität, die den Literaturkritiker nur staunen ließ, winkt durch. Man kann diese nach allen Seiten offene Freigeisterei auch bei Schirrmacher wiederentdecken. Nach dem Bankrott der Investment Bank Lehman Brothers schreibt er im September 2008 „Das Zeitalter des Unglücks“ und zitiert, ohne ihn namentlich kenntlich zu machen, Joachim Fest: „Sie vernichtet Vermögen, die ganzen Staatshaushalten entsprechen, aber nichts an ihnen hat die Größe wenigstens des großen Täters, da ist kein überragendes Talent, es ist, um ein Wendung aus anderem Zusammenhang zu zitieren, „nicht einmal eine im hergebrachte Sinne niedrige Leidenschaft, die groß wäre durch die Intensität, sondern ganz überwiegend kleine Schwächen, Egoismen, Verstiegenheiten““. Die Rede ist von der zweckrationalen Logik des etablierten Systems, und die Täter, die sich ihrer bedienen, rückt Schirrmacher in finsterste Genealogien. Die „Wendung aus anderem Zusammenhang“ stammt aus Fests „Das Gesicht des Dritten Reichs“, die neuen Bohrmann, Speer und Göring sitzen, das will uns Schirrmacher sagen, im Nadelstreif-Anzug in den Chef-Etagen des globalen Kapitalismus.

Natürlich war dieser Artikel mehr Affekt als durchdachte Argumentation, nur Polemik im Angesicht eines drohenden Kollapses. Das mag der Grund gewesen sein, weshalb Augstein in seiner Sammlung darauf verzichtet. Die ordnende Gedankenarbeit folgte bei Schirrmacher nach, im Artikel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat“ dient ihm der konservative englische Publizist Charles Moore als Mundstück für diese
Korrekturen. Das Staunen relativiert sich, wenn man sich den Boden vergegenwärtigt, von dem aus argumentiert wird. Planbarkeit, Berechenbarkeit, Bildung, Aufstieg und Familie, Schirrmacher spricht von der Zerstörung des „traditionellen Lebenszyklus in fast allen
seinen Details.“ Es bleibt, trotz skurriler gedanklicher Kapriolen, die bürgerliche Daseinsform, die ihm als Folie für die Kritik dient; bei aller Lust an der Provokation exerziert Schirrmacher in extremer Form nur das, was Hannah Arendt „Denken ohne Geländer“ nannte. Auch hierhin folgte Schirrmacher Fest.

III. Korrekturen

Schirrmachers eigentliche Leistung war die Transformation des Feuilletons. Von Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest übernommen, verstand er Publizistik und Journalismus ähnlich wie Literatur als Seismographie. Er öffnete sich der Zukunft, reflektierte, diskutierte, prognostizierte neue Entwicklungen. Affinitäten und Sympathien deuteten sich an, zu Albrecht Müllers „Nachdenkseiten“ ebenso wie zu den „Piraten“. Das verschaffte seiner Publizistik eine ungeheure Resonanz, macht sie aber auch angreifbar – und gerade deshalb für künftige Jahre zu einer lohnenswerte Lektüre. Der epochemachende Enschnitt von 2015 kündigt sich nun tatsächlich an, doch anders als erwartet. Auch die Gespräche über die städteplanerische Eingriffe im Angesicht eines drohenden Bevölkerungsschwundes nehmen sich jetzt, durch die Flüchtlingskrise, seltsam fremd aus. Sie widerlegen Schirrmacher und setzen Joachim Fest ins Recht, dem die Regellosigkeit und Unvorhersagbarkeit die einzigen geschichtlichen Konstanten waren. Doch das war der Preis, den Schirrmacher zu zahlen bereit war.

Immer noch analog unterwegs. Warum eigentlich?

Die Möglichkeiten digitaler Fotografie und Bildbearbeitung übersteigen die in der Dunkelkammer bei weitem, und doch war und bin immer noch gerne mit der Nikon F100 unterwegs. Ken Rockwell nennt sie, gleich nach der Nikon F6, die zweitbeste DSLR auf der Welt, und auch mir bescherte sie, lange bevor ich mir das digitale FX-Pendant D700 zulegte, ein Gefühl des fotografischen Angekommenseins. Endlich richtige Profi-Haptik in den Händen, endlich weg von den klassischen Consumer-Schrauben Marke „Portrait“, „bewölkt“ & „Blitz“.

Die Kirche St. Cyrill und Method im Sommer 2012
Die Kirche St. Cyrill und Method im Sommer 2012

Gründe gibt es immer noch für die analoge Fotografie.

Als ersten guten Grund kann man die disziplinierende Wirkung des Filmes anführen. Wem nur 36 Aufnahmen zur Verfügung stehen, tut gut daran, sich vor dem Drücken des Auslöser genau über Komposition und Belichtung Gedanken zu machen. Analoges Fotografieren definiert so in Zeiten von Handy-Schnappschüssen und voluminösen Speicherkarten Fotografie als kreativen Prozess und bringt ihn so zu Bewusstsein „Immer noch analog unterwegs. Warum eigentlich?“ weiterlesen