Eine Art Familienalbum

Der Fotograf Jan Saudek ist ohne Zweifel das große enfant terrible innerhalb des tschechischen Kulturbetriebs. Nach Rang und internationaler Bedeutung kann er, trotz extrem unterschiedlicher Ikonografie, als Erbe Josef Sudeks gelten. Eine große Werkschau liefert der Band „Saudek“ des slowakischen SlovArt-Verlages, welcher streckenweise wie ein bildgewaltiger Parforce-Ritt durch die freudianische Psychoanalyse anmutet. Eine Skizze.

Jan Saudek
© SlovArt-Verlag. Jan Saudek – „Saudek“. ISBN: 9788073919825

Als sich 1998 der Epilog im Leben und Werk Jan Saudeks ankündigte, erfolgte noch einmal eine Art kulturelle Mobilmachung. Die Ausstellung im Prager Gemeindehaus brachte Massen an Besuchern, unzählige verkaufte Bilder und natürlich eine Resonanz über die Landesgrenzen hinweg. Keine Frage, von den zeitgenössischen tschechischen Fotografen ist Jan Saudek der beliebteste, präsenteste und nach wie vor provozierendste, und der Rang, der ihm gebührt, speist sich ausschließlich aus seinen Aktaufnahmen, jenen absonderlichen, surrealen, bizarren und mitunter auch offen pornografischen colorierten Fotografien.

Die inszenierte Zeitgenossenschaft

Bemerkenswert ist dies alles, da es Saudek mit seiner eigensinnigen Bildsprache mühelos schaffte, sich fernab von der Fotokunst von Drtikol, Sudek oder Reich zu positionieren und einen radikal anderen Stil zu entwickeln. Dass es Saudek indes nie um eine Zeitgenossenschaft ging, erhellt schon ein kurzer Blick in den Band des SlovArt-Verlages: Durchgängig sind die Foto-Malereien mit Jahreszahlen aus den 1880er und 1890er Jahren versehen, und – Zufall oder nicht? – sie stammen damit aus der Vor- und schließlich Formationsphase der Psychoanalyse, welche auch den ikonografischen Schlüssel für das Verstehen von Saudeks Werk liefert. Sollte sich der tschechische Fotograf dessen bewusst gewesen sein?

So oder so: Saudek wirkt in seinem Schaffen wie ein besessener Ödipus, und mit einer stupenden Monomanie und in einem endlos sich wiederholenden Bilderreigen erzählen die Fotografien von Rivalitäten und Neid, Begehren und Versuchung, Verführung und Schuld. Der Unterschied zu Freud: Das Über-Ich als Zensor, beim Wiener Psychoanalytiker noch unerbittlicher Abkömmling des Todestriebes, ist bei Saudek Ironiker durch und durch, die in der Traumdeutung herausgearbeiteten Mechanismen von Verschiebung bis Verdichtung reproduziert Saudek in nahezu parodistischer bis popkultureller Weise: Schwerter, Revolver, Gewehre, Kerzen, Musikinstrumente oder die männliche Faust dienen Saudek als Repräsentanten des männlichen Signifikanten. Daneben finden sich offene Inszenierungen der Urszene und Triangulierung wie im Bild Forest of Love and Death aus dem Jahr 1899 (1989), dem eigentlichen Erscheinungsjahr der Traumdeutung, welches Todeswunsch und Begehren in schnörkelloser Radikalität inszeniert.

Jan Saudek und die phallische Frau

Ein weitere Fantasie, die Saudek durch die Jahre hinweg fasziniert und auch erschreckt haben dürfte, ist die der phallischen Frau. Bewaffnet und uniformiert, erscheint das ödipale Thema hier oftmals in zeitgeschichtlichem Gewand. Ähnlich wie in Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins oder Jan Sveráks filmischen Geniestreich Kolja ist das Übermächtig-Väterliche ikonografisch durch Bezugnahmen auf das Russische und Sowjetische besetzt, selten indes Deutsch, wie im offen sadomasochistischen Disicipline über alles aus dem Jahr 1896 (1993), auf dem Saudeks Gattin eine junge Tochter-Frau mit einem Rohrstock züchtigt.

Obwohl Saudek der dominierenden, mächtigen und gewaltbereiten Frau mitunter verfallen ist, erscheint dem Betrachter beim Durchblättern das Thema in oftmals gebrochener Gestalt. Dafür sprechen gerade die Bilder, in denen Frauen Waffen wie Revolver und Messer gegen sich selbst richten oder sich gar die Pulsadern aufschneiden. Zu den verstörenden Bildern kastrierter Frauen gehört im Band die Aufnahme The girl I loved. Sie zeigt eine durch Verbrennungen sowie Bein-, Brust- und Arm-Amputationen gezeichnete Frau, die sich in ihrem gekränkten Narzissmus im Handspiegel ihrer Schönheit zu versichern sucht. Auch präsentiert sich Saudek in diesem Zusammenhang immer wieder gerne als bösartiger Ironiker, wie etwa auf dem Bild Warrior, auf dem eine Lilliputanerin mit einem Riesenschwert posiert.

Durchgängig unversehrt und sicher zeigt sich bei Saudek die männliche Dominanz und Souveränität. Im Bild mirror, mirror on the wall… von 1889 inszeniert sich Saudek ganz im Sinne Wilhelm Reichs als phallisch-narzisstischer Charakter. Mit einem kraftvoll ausgestrecktem Arm, in der geballten Faust einen Spiegel, betrachtet sich der Fotograf eitel und siegessicher selbst. Die schiere körperliche Überlegenheit des Mannes zeigt sich, wenn auch subtiler, im Quasi-Diptychon Slap/Matrimony aus den Jahren 1887 und 1890 (1983 und 1988). Die männliche Schlagkraft, angedeutet durch die Ohrfeige im Bild Slap, wird durch die lediglich hysterische Oralität der Frau kontrastiert. Mit der Deutung der Frau als unvollendetes Wesen liegt Saudek freilich auf einer Linie mit dem klassisch-freudianisch Konzept der Psychoanalyse; trotzdem bleibt das Weibliche nicht nur einem dem Männlichen untergeordnete Randnotiz.

Die Ikonographie der Großen Mutter

Denn neben Inszenierungen des Ödipus geht es bei Saudek auch immer um Früheres und Basaleres. Die Ikonographie des Ur-Mütterlichen, verstanden als Sehnsucht ins Paradies, ins Schlaraffenland sowie als Verlangen ins Unendliche, zieht sich nicht minder wie ein roter Faden durch das Werk des tschechischen Fotokünstlers. In diesem Zusammenhang sind die unzähligen Aktaufnahmen von zum Teil schwer fettleibigen Frauen zu sehen. Mit Blick auf dieses Sujet wies Saudek denn auch in einem Fernseh-Interview lakonisch darauf hin, dass man einem Hund auch nicht nur Knochen zum Fressen gebe. Allerdings imponiert die frustrierte Oralität im Band nicht nur durch dieses immer wiederkehrende Abundantia-Motiv; auch ist es wohl kein Zufall, dass Saudek hier das romantische Fenster-Motiv variiert.

Im Kapitel The Window heißt es im Vorwort: So many times I stood before this window! Birds flew across the sky beyond it, endlessly and God knows where; a cloud, strongly reminiscent of whipped cream, drifted there … Ganz in diesem Sinne inszeniert Saudek eine changierende Bilderwelt aus nächtlicher Transzendenz und (oralem) Begehren, Darstellungen von Fellatio und Anilingus wechseln sich ab mit dem Verzehr etwa von Pralinen, daneben immer wieder Bilder traumhafter Entgrenzung wie The Dream…, Zuzana’s night window oder The soul leaves the body.

Aber Saudek wäre nicht Saudek, wenn nicht auch hier die männliche Selbstbehauptung wenigstens einmal gegenüber der pervers inszenierten oralen Bedürftigkeit obsiegen würde. Wie eine ironische Bildparaphrase von Caspar David Friedrichs Frau vor der untergehenden Sonne mutet das Bild A new View from my Window an. Nicht das Herz, wie beim deutschen Romantiker, sondern der Phallus bildet eine (unsichtbare) Linie zur untergehenden Sonne. Der romantische Einheitsgedanke weicht also der Idee der phallisch-narzisstischen Weltbemächtigung. Insofern weist die Ikonographie nicht nur zu C. D. Friedrich, sondern zu einem anderen Romantiker, nämlich Johann Heinrich Füssli, dessen Werk nicht anders als das von Saudek in vielen Sujets die angstvollen Rivalitäten der Geschlechter thematisiert.

Was bleibt aber nach der Durchsicht des Bandes? Jan Saudek begann in den 60er Jahren mit unkonventionellen Familienfotografien, die schon eine ungewöhnliche Kreativität erkennen ließen. Eine ikonographische Konsolidierung setzte aber recht bald ein, und die Fotografien gerieten Saudek spätestens Mitte der 70er Jahre in seiner unverkennbaren Bildsprache zu einer Bühne unbewusster Triebe. Man mag das Werk skurril, surreal, provokativ, und ja, auch pornografisch nennen. Bei Lichte betrachtet, handelt es sich beim Œuvre Jan Saudeks nur um die Rückseite dessen, was ein jedes Familienalbum dieser Welt an heimlichen Begehren, Rivalitäten und Schuld birgt.

 

 

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