Italienische Fragmente

Am Fuße der Alpen, in Turin und Umgebung, wandelt der tschechische Fotograf Josef Koudelka auf den Spuren Josef Sudeks und widmet sich panaromatischen Stadtansichten und Landschaftsaufnahmen. Zu sehen gibt es wie zu erwarten wenig Bukolisches, dafür umso mehr baulicher Brutalismus und Sichtbeton. Ich habe mir den Band Piemont des französischen Xavier-Barral-Verlages genauer angeschaut.

Josef Koudelka – Piemonte. © Editions Xavier Barral. Hardcover. 330 × 205 mm. 160 Seiten. 76 Fotografien. ISBN : 978-2-91517-349-9

Der Band Piemont steht in der Reihe panoramatischer Fotoprojekte, in denen der tschechische Fotograf Josef Koudelka seit Beginn der 90er Jahre neue Möglichkeiten im Fotojournalismus erprobte. Stationen dieses Schaffens waren das tschechische Kohlerevier, Wales, Camargue oder zuletzt Israel und die Westbank.

Ihren ersten Höhepunkt fand diese Schaffensphase im Band Chaos aus dem Jahre 1999. Nicht ohne eine gewisse philosophische Tiefe, zog Koudelka in diesem Band eine Art Bilanz des 20. Jahrhunderts zog und dekonstruiert die Hybris einer einer vermeintlich aufgeklärten Welt. Was vom Säkulum vor allem blieb, das waren die Verheerungen durch Krieg, die rücksichtslose Ausbeutung der Natur oder die Unwirtlichkeit moderner Städte.

Josef Koudelka beerbte mit seinen Panorama-Aufnahmen das Schaffen des anderen großen Tschechen, nämlich Josef Sudek. In Ausführung ähnelt die Veröffentlichung des Xavier-Barral-Verlages wohl nicht von Ungefähr dem legendären Band Praha Panoramaticka des einarmigen Fotografen. 1953 erschienen, verwandelte Sudek die böhmische Metropole in träumerisch-märchenhafte Stadtlandschaften, und womöglich war der Tscheche einer der letzten Fotografen, der den Mythos der urbanen Moderne in dieser Art inszenieren konnte.

Denn wie sehr Sudeks Ästhetik an den Chronotop Prags gebunden war, zeigten Jahre seine Aufnahmen vom Kohlerevier bei Most. Der romantische Blick Sudeks zerbarst gleichsam an den Verheerungen der Moderne, und wohl nicht von Ungefähr gerieten die genialen, aber in sich widersprüchlichen Aufnahmen jahrzehntelang in Vergessenheit. Als Anfang der 90er Jahre Josef Koudelka das Kohlerevier fotografisch erkundete, konnte und wollte er dieser romantischen Perspektive nicht mehr folgen. Zu sehr hatten sich biografische Schlüsselerlebnisse in Koudelkas Psyche eingegraben, um noch an einer mythisierenden Bewältigung menschengemachter Katastrophen zu glauben.

Zur Urerfahrung der Intellektuellen und Künstler im 20. Jahrhunderts gehört der Totalitarismus. Koudelka teilte diese Erfahrung in Gestalt des Sozialismus sowie der Niederschlagung des Prager Frühlings mit Fotografen wie Antonín Kratochvíl, Markéta Luskačová oder Jan Reich, deren Werke diese Traumata von Unterdrückung und Emigration auf recht unterschiedliche Weise widerspiegeln. Zunächst: Auch Piemont ist nicht frei von Erinnerungsspuren an die tschechische Heimat. Schon beim ersten Durchblättern stechen die Aufnahmen aus Turin oder ins Auge. Während erstere wie eine visuelle Paraphrase der in der Lucerna-Passage persiflierten Wenzelsstatue wirkt, erinnern die gothisch anmutenden Brückenpfeiler an den Prager Veitsdom.

Bedeutsam ist hier aber eine tiefere Ebene, nämlich die Auseinandersetzung mit der Panorama-Ästhetik Josef Sudeks. Koudelka bemüht die Form des Panoramas, doch inhaltlich geht es ihm um nichts anderes als eine Dekonstruktion von Sudeks mythisch-romantischer Ästhetik. Gerade dies: Der bauliche Brutalismus, die Zeugnisse von Gewaltherrschaft und Holocaust sowie die Verheerungen grenzenloser Naturbeherrschung stehen in schärfster Frontstellung zu Sudek, und wo dieser die  Einheit von Mythos und Moderne inszenierte, sieht jener die Neuzeit ganz im Zeichen einer allgegenwärtigen instrumentellen Vernunft.

Stilistisch uneindeutig, changieren die Fotografien zumeist zwischen einem nüchternen Dokumentarismus sowie einem zunehmenden Formalismus. Das ist verständlich, denn im Angesicht der Hässlichkeiten und baulichen Monstrositäten blieb Koudelka nur die Flucht zu abstrakten Linien, Oberflächen & Strukturen. Nur sporadisch, in den Bildern von Schloßgarten, Pfauen und schlafenden Pferden, gelingt Koudelka eine Rückkehr ins träumerische Idyll, das Sudek so wichtig war. Zwischen Betonwüsten und Raubbau erscheinen diese aber nur noch als Reminiszenzen an das längst Vergangene. Wie im Märchen drängt sich dem Betrachter nur eines auf: „Es war einmal …“

 

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