Ästhetik des Unfreiwilligen

Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs veröffentlicht das Institut für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů) im Band „Praha objektivem tajné policie (Prague Through the Lens of the Secret Police)“ Fotos der tschechischen Geheimpolizei. Als Dokumente der „Phase der Normalisierung“ nach dem Prager Frühling zeigen sie uns ein ziemlich graugesichtiges Prag. Einführende Essays fragen nach der ästhetischen Qualität dieser eigentümlich düsteren Form der Street Photography und legen historische und technische Fakten frei.

Prague Through the Lens of the Secret Police
Praha objektivem tajné policie / Prague Through the Lens of the Secret Police. ISBN 978-80-87211-11-3 © USTR.

Nur 14 Mitarbeiter beschäftigte die Geheimpolizei 1948, im Jahr der Gründung der sozialistischen Tschechoslowakei, im Lauf ihrer kurzen Geschichte wuchs der Überwachungsapparat kontinuierlich an, und zur Zeit der Samtenen Revolution gebot der kommunistische Krakenstaat über ein Spitzelheer von knapp 800 Mitarbeitern.

Freilich blieben die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit begrenzt, und so mussten die Spione ihre noch analogen Kleinstkameras in präparierten Koffern oder Taschen verstecken. Beim ersten Durchblättern erscheinen dem Betrachter die oftmals unbeholfenen Aufnahmen denn auch wie Dokumente aus einer ganz fernen Zeit. Die ungemeine Distanz wirkt folglich zum einen historisierend, zum anderen rückt sie die Fotografien ganz unfreiwillig in einen neuen Wahrnehmungshorizont: Die orwellsche Perspektive trifft auf den genius loci der böhmischen Metropole und verwandelt die Aufnahmen in eine pervertierte Form der Street Photography.

Ist das Kunst?

Der Frage nach der Ästhetik dieser amoralischen Bilder geht der Publizist Jan Vitvar in seinem einführenden Essay nach. Seine Überlegungen variieren das seit Max Weber altbekannte Thema unterschiedlicher Wertsphären. Zugespitzt kann man sagen: Die Fotografien sind Zeugnisse eines widerwärtigen Systems. Das kompromittiert sie moralisch. Zum einen. Andererseits objektiviert sich in den Bildern Kunst, und die Paradoxie liegt bei den Aufnahmen darin, dass dies ungewollt geschehen ist. Ausgerechnet der tschechische Spanner-Fotograf Miroslav Tichy dient Vitvar als Kronzeuge für diese Argumentation.

Tichy lebte zurückgezogen bis zu seinem Tod im tschechischen Kyjov und befriedigte seine voyeuristischen Triebe mit einer selbst gebastelten Kamera, indem er badende und nackte Frauen fotografierte. Weit entfernt von persönlichkeitsrechtlichen Fragen werden heute seine Bilder sehr hochpreisig auf dem Kunstmarkt gehandelt. Die Analogie, um die es hier geht, ist eine doppelte: Die Pathologien eines Individuums sind oftmals auch die Staates („The members of the secret service were also sick“), und hier wie da zeitigt die Lust am Observieren unfreiwillig eine beachtenswerte Ästhetik.

Bilder einer toten Stadt

In der Tat: Blättert man durch den Band, haftet den Fotografien etwas Gespenstisches an, und fast scheint es, als hätte das sozialistische Regime in diesen Aufnahmen das eigene Nachleben in düstersten Bildern vorweggenommen. Graugesichtig huschen immer wieder Gestalten vorbei, und das Prag, das wir ausschnittweise auf nahezu jeder Seite zu sehen bekommen, ist eine tote Stadt ohne jede Urbanität, ohne Restaurants und ohne Leuchtreklame – und auch denkbar weit entfernt von jener Metropole, die heute von touristischen Okkupanten heimgesucht wird.

Jan H. Vitvar erkennt in diesem Bildern eine Gesellschaft, die an ihrem apathischen Nullpunkt angekommen ist. Die Ironie liegt aber für den Essayisten gerade im oftmals ungezwungenen Habitus der Observierten, die Unabhängigkeit des Geistes sich also ungewollt in diesen Bildern immer wieder bahnbricht: „It is as though their belief that things will take a turn for the better one day helped raise them above the emcumbrances of the time.“ Die Ästhetik des Unfreiwilligen gerät in solchen Aufnahmen zu einer Ikonographie der Freiheit.

Als heutiger Betrachter drängen sich Vergleiche zu minderwertigen Smartphone-Schnappschüssen ebenso auf wie zur hochstehenden iPhoneography. Der Fortschritt hat durch die Miniaturisierung der Hardware die Spionage-Möglichkeiten für jedermann verfügbar gemacht. Die plebejischen Ausläufer lassen sich in der Upskirt-Pornografie ebenso wie bei den gehackten Webcam-Mitschnitten in den Tiefen des Darknets beobachten. Entscheidend ist aber anderes. Mit der Digitalen Revolution wurde die einstmals totalitäre Vereinnahmung des Privaten und Intimen selbst demokratisch. Im Zeitalter von Facebook, Instagram, Google und Big Data bedarf es keiner Geheimpolizei mehr – sondern nur noch aller.

Der Band „Praha objektivem tajné policie (Prague Through the Lens of the Secret Police)“ des USTR ist im Centrum FotoŠkoda in der Vodičkova 37 unweit des Wenzelsplatzes erhältlich.

 

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